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Zwischen Traum und Wirklichkeit – Gedanken zur WM

So richtig beginnt für mich die Weltmeisterschaft in Südafrika eigentlich erst jetzt. Die Sonne über München scheint aus voller Kraft in dieser ersten Woche nach dem denkwürdigen Sieg Deutschlands über England im Achtelfinale. Alle freuen sich – und ich bin krank.

Was macht man, wenn man den ganzen Tag zu Hause verbringen muss? Fernseh schauen! Und so tauche ich zum ersten Mal richtig ein in die erste WM auf afrikanischem Boden. Bereits Stunden vor dem Nachmittagsspiel beginnt die Berichterstattung des ersten oder zweiten deutschen Fernsehens. Was dort gezeigt wird, widerlegt alle Vorwürfe einer Verwahrlosung des Fernsehens.

Natürlich wird viel über die deutsche Nationalmannschaft und die Spiele berichtet, viel beeindruckender sind aber die hochwertigen und ausführlichen Hintergrundreportagen über Südafrika. Ganze Teams waren und sind über Monate im Land. Sauber recherchierte, liebevolle Berichte, die eben nicht nur über das klischeehafte Südafrika der Traumstände Kapstadts und der Morde Johannesburgs berichten, sondern sich die Mühe machen, tief in die fremde Kultur, in die hintersten Ecken des Landes einzutauchen, sind das Ergebnis.

Mich berühren diese Berichte im besonderen Maße, nachdem ich Anfang des Jahres für 3 Monate als Volunteer im 17 on Loader Guest House in Kapstadt gearbeitet habe:

Wenn über die aufopferungsvolle Arbeit einer jungen Amerikanerin mit HIV-positiven Kindern in Khayelitsha, dem größten Township Kapstadts, berichtet wird, dann denke ich an die Wellblechhütten aber auch an die Lebensfreude und die hoffnungsvollen Existenzgründer, die ich dort mit eigenen Augen gesehen habe.

Wenn von Überforderung Südafrikas durch zu viele Einwanderer, insbesondere aus Zimbabwe, berichtet wird, dann denke ich an meinen ehemaligen Arbeitskollegen aus Zimbabwe, der mit seiner beeindruckenden Persönlichkeit, viel Einsatz und seiner Zuverlässigkeit mit Sicherheit eine Bereicherung für Südafrika darstellt.

Wenn von jungen Nachwuchsmusikern berichtet wird, die am Morgen stundenlang unterwegs sind, um ihre Musikschule, ein südafrikanisches Projekt, zu erreichen, dann denke ich an meine Arbeitskollegin, die Stunden braucht, um den täglichen Weg aus dem Township zum Guest House in Kapstadt zurückzulegen.

Viele Geschichten haben so für mich ihre ganz persönlichen Bilder. Sie reihen sich ein in das Gesamtbild der Berichterstattung, das zwar die Gefahren und Bedrohungen Südafrikas nicht leugnet, insgesamt sich jedoch auf die Chancen des Landes konzentriert. Vom Aufbruch der Regenbogennation nach dem Ende der Apartheid über das Durbaner Surfprojekt für ehemalig drogenabhängige Kinder bis hin zu den fantastischen Landschaften des südlichen Afrikas – es überwiegt das positive Bild.

Ebenso wie man den Afrikanern Unrecht tut, wenn man sie als einen Haufen unorganisierter, unzivilisierter Wilder beschreibt, so tut man es auch den Europäern, wenn man sie als geldgeil, selbstgefällig und die afrikanische Kultur verachtend beschreibt.

Die Berichte zeigen – es gibt viel ehrliches Interesse. Engagement, das nicht bevormundet. Freundschaften, die verbinden. Sinnbildlich dafür steht, dass das deutsche Fernsehen als Experten keine eigenen Landsleute gewählt hat, die zwar selber lange in Südafrika gelebt haben mögen, aber eben dennoch Deutsche bleiben. Sie haben vielmehr zwei junge Südafrikanerinnen ausgewählt, die äußerst authentisch von ihrem Land und ihrer Vergangenheit berichten.

Südafrika soll wissen: Ja, uns nerven eure Vuvuzelas, aber es ist ok so. Es ist eine wunderbare WM mit wunderbaren Erlebnissen; das merken auch hier, im fernen Europa, viele.

Schade ist eigentlich nur, dass man krank sein muss, um die WM in ihrer Gesamheit zu erleben. Sei’s drum.

Morgen verbindet sich meine jüngere Vergangenheit schließlich komplett auf emotionale Weise mit der Gegenwart: Im Kapstädter Green Point Stadium trifft Deutschland auf Argentinien. Alle hoffen auf viele Tore der Deutschen, unterhaltsame Eskapaden des argentinischen Startrainers Diego Maradona und begeisterte Südafrikaner auf den Rängen eines der schönsten Stadien Südafrikas.

http://suedafrika.zdf.de/

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